II. Der Virus der Geschwindigkeit - Tradition des Roten Wien

Um die Tradition des 1. Mai in Wien zu verstehen, muss man sich mit der Geschichte des Roten Wien auseinandersetzen. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie, der Wahlrechtsreform und der damit einhergehenden Schwächung des Bürgertums war die Sozialdemokratie die führende Kraft der Stadt; das umfassende sozialistische Lebenskonzept sah die Stadt als ein durch das Proletariat zu gestaltendes Ganzes an, mit allen Gemeindebauten, Schulen, Bädern, Heilanstalten - und natürlich der Verkehrsstruktur als Netzwerk, das alles
zusammenhält. Schon allein aus diesem Aspekt wird vielleicht verständlich, warum sich die Straßenbahner früher als Vorreiter des sozialistischen Gedankens sahen, waren sie es doch, die den Bewohnern der Stadt deren vollständige Nutzung ermöglichten. Verkehr bedeutet Bewegung von Menschen und Waren; Kontrolle über diesen Verkehr zu haben, bedeutete, Macht über die Stadt zu haben.
Das frühere extrem dichte Tramwaynetz war das Nervensystem der Stadt, der Tramwaybedienstete damit Symbol der Omnipräsenz der Sozialdemokratie. So ist es nicht verwunderlich, dass die Straßenbahner bei den Maiumzügen in vorderster Linie marschierten; die Züge fuhren deshalb erst gegen 14.00 Uhr aus den Remisen, wobei die jeweils ersten Wagen prachtvoll geschmückt waren.
Im Lauf der Jahre wurde der Enthusiasmus allerdings geringer, der Blumenschmuck dürftiger. Auch hatte sich das politische Engagement stark reduziert, das üppige Tannenreisig und die roten Nelken auf den Zügen wurden weniger. In den letzten Jahren hat die betriebslose Zeit am Vormittag des 1. Mai immer mehr Kritiker auf den Plan gerufen, der freie Halbtag wurde eher für Ausflüge ins Grüne als fürs zünftige Marschieren genutzt. 1998 fuhren die Züge zum letzten Mal geschmückt aus den Remisen; als Symbol für den Verlust der absoluten Mehrheit der Sozialisten ließen es sich die anderen Rathausparteien nicht nehmen, per Gemeinderatsbeschluss den Normalbetrieb zu erwingen.
Zwischen den beiden Bildern liegen fast 100 Jahre Sozialdemokratie. Aufgenommen im Bahnhof Favoriten, im klassischen Arbeiterbezirk Wiens, ist trotz der Änderung des Wagenmaterials auch die Kontinuität der Selbstdarstellung deutlich sichtbar, die je nach Standpunkt als Tradition oder Versteinerung betrachtet werden kann.
Das letzte Bild zeigt einen Zug, der vor der Betriebsaufnahme die Straßenbahner einsammeln und zum Dienst bringen sollte. Er wartet auf dem menschenleeren Urban-Loritz-Platz auf Mitarbeiter der Wiener Linien, wird aber nicht genutzt - die Bediensteten fahren sowieso mit dem Auto. Ein Ärgernis aber für den normalen Fahrgast, ihm bleibt die Mitfahrt verwehrt. Am 1. Mai 1999 gab es erstmalig Vollbetrieb, die Vormittagszüge waren gut ausgelastet, die Stimmung der Straßenbahner aber mies: Auf einigen Wagen sah man statt der gewohnten Dekoration schwarze Kranzschleifen.
2000 war der Vollbetrieb dann kein Thema mehr. Abgesehen von den Kurzführungen wegen der Maiaufmärsche gab es keine Besonderheiten, die Züge fuhren nach dem normalen Sonntagsplan, und die immer noch mehrheitlich sozialistische Stadtverwaltung empfahl, zwecks Stauvermeidung mit der Tramway zu den Aufmärschen anzureisen. Bei den Gemeinderatswahlen 2001 errangen die Sozielisten überraschend wieder die absolute Mandatsmehrheit; ob es nun wieder geschmückte Straßenbahnen geben wird, ist noch nicht bekannt.
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