II. Der Virus der Geschwindigkeit - Graz

Am 11. September 1999 wurde das Abschlußfest zum Jubiläum "100 Jahre Straßenbahn in Graz" gefeiert - für mich ein Anlass, einen kurzen Besuch einzuplanen, vor allem um die von Wien nach Graz gelangten historischen Wagen zu besuchen. Der Kauf von fremden Wagen hat in Graz Tradition; abgesehen von den noch heute jedem Grazer geläufigen "Wuppertalern" gab es bis zum zweiten Weltkrieg auch immer wieder Ankäufe aus Wien.
Das erste Bild der Jubiläumszüge zeigt den Wagen Nr.22 bei der wunderbar renovierten Haltestelle Hilmteich. Ohne den störenden orangen Mistkübel (ich konnte nicht anders
und habe ihn wie die Verkehrsampel wegretuschiert) vermittelt das Bild einen Eindruck wie vor 100 Jahren. Solche "Hutscherl" trugen zur Anfangszeit die gesamte Last des städtischen Verkehrs. Das zweite Bild zeigt denselben Zug mit einem alten Wiener Pferdebahnwagen (Type q) am Jakominiplatz bei der Heimfahrt nach Maria Trost.
Die junge Dame ist beeindruckt - und wäre es vielleicht noch mehr, wenn sie näheres über die Arbeitsbedingungen der Fahrer und Schaffner vor hundert Jahren wüsste. Natürlich war die Fahrt neben dem stehenden "Conducteur" an diesem Spätsommernachmittag
ein Vergnügen; unvorstellbar allerdings, dass die unterbezahlten Fahrer vor hundert Jahren
bei Regen, Schnee oder Eiseskälte 12 Stunden so Dienst machen mussten. Den Schaffnern ging
es kaum besser: Die Beiwagen hatten zwar hübsche Jugendstilleuchten, waren aber im Winter zugig und ungeheizt. Wie leicht die Wagen dieser Zeit konstruiert waren, zeigt das letzte Bild - der Blick geht frei durch den ganzen Zug.
Der Wagen 117 im beigen Look der Zwischenkriegszeit zeigt den Fortschritt seit der
Pferdebahnzeit, auch wenn er mit einem Wiener p2 mit offenen Plattformen behängt ist. Links
befährt der Wagen die Schleife Radetzkyspitz, rechts dreht er seine Runde um das nette Bahnhofsgebäde in Mariatrost; die Spitzen der gleichnamigen Kirche überragen die Szene.
Dieser Wagen war das klassische Fahrzeug in den 60er und 70er Jahren. Als erste Nachkriegsbaureihe wurden 52 solcher Fahrzeuge geschaffen, die bis 1989 im Einsatz waren - zuletzt allerdings nur noch als Einlagewagen mit dem in Graz bekannten Signal "E". Das Bild
entstand ebenfalls am Radetzkystpitz; zusammen mit der Auslage im typisch schwungvoll-schrägen Stil der Fifties gibt er einen guten Eindruck des Lebensgefühls der Wirtschaftswunderjahre.
Am rechten Bild überquert der Zug eine eisenbahnmäßig gesicherte Straßenkreuzung am Weg von Mariatrost in die Stadt. Die Strecke erhielt eine moderne Hochkettenfahrleitung, am Querdraht ist das Decksignal für einen der eingleisigen Abschnitte zu sehen. Diese Engstellen führten einige Male zu spektakulären Frontalkollisionen.
Zuletzt noch ein Blick in das Museum, das diese schönen Fahrzeuge pflegt und neben Rundfahrten auch nette Ausstellungen in der Remise organisiert. Typischerweise zeigt auch dieses Bild Wagen aus Wien, die aber im Gegensatz zu vielen anderen nie in Graz in Betrieb waren. Links der K 2406, ein Wiener Standardwagen seit 1910; der Wagen rechts war auch in Wien eine Besonderheit: Es ist einer der aus New York gebraucht gekauften Wagen der dort aufgelassenen Tramway, der in Wien als "Type Z" oder schlicht "Amerikaner" sehr bekannt war. In Graz wurde er wieder in den ursprünglichen Farben der "3rd Avenue Transit" lackiert. Wegen seiner Breite kann er in Graz allerdings leider nicht eingesetzt werden.
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