II. Der Virus der Geschwindigkeit - London, St Pancras Chambers


St Pancras - auf den ersten Blick Londons prachtvollster Bahnhof, bald auch Endpunkt der Eurostar-Züge aus Brüssel und Paris. Weitgehend unbekannt ist aber, dass sich hinter der neugotischen Fassade eine vergessene Märchenwelt verbirgt: Das verfallene Midland Grand Hotel.
In einer Zeit, in der die Eisenbahn begann, die Welt zu verändern, schrieb die Midland Railway Company einen Wettbewerb aus. Das Ziel war klar umrissen: mit einem prachtvollen Symbol, mit einer grandiosen Geste sollte die Verlängerung der Bahnlinie ins Londoner Zentrum einen würdigen Endpunkt erhalten. Zwischen 1866 und 1873 entstand ein zauberhafter Bau, dessen heutiger Zustand die vergangene Pracht auf gespenstische Weise kontrastiert.
Sagenhafter Prunk und ebensolche Zimmerpreise machten das Hotel zu einem Treffpunkt der allerobersten Zehntausend; mehr als 40 Jahre lang gehörte das Haus zu den besten Hotels der Welt.
Der Niedergang begann mit dem ersten Weltkrieg, doch bis etwa 1935 konnte der Betrieb noch aufrechterhalten werden. Danach begann die Nutzung als Bürogebäude, fortan "St Pancras Chambers" genannt; die vergoldeten Fliesen wurden übermalt, der Stuck verschwand hinter Zwischendecken. Die achtlose Behandlung dieser Werte verwundert heute, fast wäre der Bau sogar abgerissen worden.
1980 müssen auch die Büros geschlossen werden; die nötigen Brandschutzgutachten konnten nicht mehr erbracht werden. Der Dornröschenschlaf begann. Heute sind die Hallen verlassen, die Cafeteria mit billigem Spannteppich ausgelegt, der Damenrauchsalon von nackten Neonröhren beleuchtet; und doch sieht das Hotel einer gesicherten Zukunft entgegen: Mit dem Einzug der bunten Hochgeschwindigkeitszüge wird in den gesamte Komplex investiert, die ehemals ungeliebte Ruine wird erneut zum Flaggschiff und Symbol für das neue Selbstbewusstsein der Eisenbahn zwischen Paris und London.
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Alle Fotos entstanden am 5.10.2003
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