I. Die Zukunft der Städte - Lille

Mit dem Ausbau des TGV Nord wurde die romantische Kleinstadt zu einem der wichtigsten Eisenbahnknoten nördlich von Paris. Hier zweigt die TGV-Strecke nach Brüssel und Amsterdam von der Eurostar-Linie Paris-London ab. Lille wurde damit zu einem Zentrum des europäischen Hochgeschwindigkeitsnetzes, und entprechend groß war die Phantasie, die die Investoren entwickelten.

In Sichtweite vom alten Bahnhof "Lille Flandres" liegt der neue Komplex von "Lille Europe". Für Pendler und Reisende in die Provinz nicht die beste Lösung: ständig ist ein Menschenstrom über den grossen Platz zwischen den beiden Bahnhöfen unterwegs.

Hinter dem Bahnhof trifft man auf eine überraschende Station der "Val-Metro": Durch einen gigantischen Schacht laufen freischwebende Treppen und Übergänge.

Diese kleine fahrerlose Bahn wurde vom Rüstungskonzern Matra gebaut. Die Sinnhaftigkeit dieses Konzepts scheint zweifelhaft; Die Fahrzeuge sind sehr eng und befördern weniger Fahrgäste als eine normale Straßenbahngarnitur, erfordern aber ebenso gigantische Stationsbauwerke wie eine U-Bahn. Gleichzeitig ist die Fahrbahn sehr aufwendig und erlaubt keine Niveaukreuzungen. Der fahrerlose Betrieb macht Sicherheitstüren an den Bahnsteigkanten notwendig.

Im Schatten dieses problematischen Verkehrsmittels existiert in Lille eine kleine Tramway, die aber derzeit wenig Entwicklungschancen hat. Die beiden Linien werden auch heute noch "Mongy" genannt, nach dem Gründer des ursprünglich ausgedehnten Netzes von Fernstraßenbahnlinien. Die ebenfalls recht kleinen Wagen sind eine Sonderkonstruktion für Meterspur. Sie lösten vor einiger Zeit in Deutschland gekaufte Duewag-Gelenkwagen ab, die derzeit verschrottet werden.

Die Instradierung der neuen Fahrzeuge erfolgte - typisch für Frankreich - recht theatralisch: In einem neuen Depot wurde die Fahrzeugflotte unter großer Geheimhaltung bereitgemacht, um dann nach einer mehrtägigen Betriebsunterbrechung typenrein auf beiden Linien eingesetzt zu werden. Das alte Depot wurde mit den darin befindlichen Wagen vom Netz abgetrennt und bietet heute einen traurigen Anblick.
Im Vorfeld der alten Hallen trifft man auf eindrucksvolle Beispiele von Gleisbaukunst in Meterspur, die hier vor Jahrzehnten beherrscht wurde. Elegante Gleisharfen und Weichenkonstruktionen liegen heute brach.
Wärend die Duewag-Fahrzeuge in Ermangelung von Abnehmern im Rahmen eines Arbeitslosenprojekts verschrottet werden, überlebt einer ihrer Vorgänger hier auf einem Hallengleis. Wagen dieser Art verkehren auch auf der neu aufgebauten Museumsstrecke im Nordwesten der Stadt.

Trotz der neuen Fahrzeuge scheint die Zukunft der Tramway unsicher; von der französischen Tramway-Euphorie ist hier wenig zu spüren. Einerseits ist die Spurweite ein Fremdkörper in der Tramway-Szene des Landes, andererseits wurde die neue VAL-Metro-Verlängerung offenbar absichtlich so angelegt, dass eine eventuelle Tramwayverlängerung behindert wird.
Transpole (Verkehrsbetrieb Lille)
Amitram (Stadtverkehrsmuseum)
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