II. Der Virus der Geschwindigkeit - Paris - unter den Straßen der Metropole

Nirgendwo sonst ist das öffentliche Verkehrsmittel Synonym für die Stadt wie in Paris. Die Métro wurde in Romanen und Gedichten beschrieben, in Chansons besungen, in Filmklassikern diente sie als Hintergrund. Für den Futuristen Gino Severini war sie "ein illuminierter Körper, der durch einen abwechselnd dunklen und erleuchteten Tunnel fließt"; ihre Stationen waren Monumente des "Art Nouveau". Deutlicher spürbar als in jeder anderen Stadt ist sie das Nerven- und Adernsystem der Metropole: In den kafkaesk endlosen Gängen pulsieren die von Zügen ausgespuckten Menschengruppen als Pulsschlag des Tages. Das Gewirr von Tunnels mit Abzweigungen, Schleifen, Abstellgeleisen und teils stillgelegten Stationen diente Fantômas dazu, einen ganzen Métrozug verschwinden zu lassen - die Pariser Metro ist ein Mythos des 20. Jahrhunderts.
1988 hatte ich die einmalige Gelegenheit, viele der interessantesten Punkte im Pariser Métronetz zu besuchen. Die Bilder oben entstanden großteils in den Tunnels um den Gare du Nord, die nur noch für Schulungsfahrten benutzt werden, bzw in den Ateliers de St. Cloud im Westen.
In der Station Pré-St-Gervais an der kurzen Pendellinie 7bis wartet der Zug auf die wenigen Fahrgäste, die an diesem Sonntag nach Louis Blanc wollen. Nach Verlängerung der Linie 7 blieb der Ast mit wenig Verkehrsbedeutung als 7bis erhalten. Die zwischen der gezeigten Station und der nahen noch
kürzeren Pendellinie 3bis liegenden Tunnels wurden in den 50er Jahren für Probefahrten mit dem ersten gummibereiften Zug genutzt.
Eine weitere Kuriosität verbirgt sich in diesen Tunnels: Die Station Haxo, die nie im Passagierverkehr bedient wurde. Sie wurde zwar fertig verfliest, statt der Aufgänge gähnen aber dunkle Erdlöcher - ein politischer Meinungsumschwung während der Arbeiten verhinderte die Fertigstellung.
Bei meinen ersten Besuchen in Paris konnte ich noch die berühmten Sprague-Thompson-Wagen fotografieren. Auf der wenig wichtigen Linie 3bis fuhren sie ihre letzten Einsätze: Hier steht ein 4-Wagen-Zug in Porte des Lilas. Der Zug führt noch die 1. Klasse, der rote Wagen in der Mitte ist schwach erkennbar.
In der Zwischenzeit sind diese Züge natürlich aus dem Linienbetrieb verschwunden, allerdings konnte man sich nicht ganz trennen: Eine geringe Anzahl wurde erhalten und dient immer wieder als Filmmotiv. Hier steht so ein Zug unweit der Ateliers de Saint Cloud - wahrscheinlich träumt er von besseren Tagen...
Ein Stück weiter öffnet sich der Tunnel zu den Ateliers, den unterirdischen Werkstätten. Kleinere Reparaturen werden hier durchgeführt; einige Arbeitswagen "wohnen" hier.
Diese Wagen sind dem normalen Reisenden meist unbekannt, manchmal tauchen sie unvermittelt wie Drachen aus den dunklen Tunnels auf, während man auf die nächste Métro wartet. Der Spuk ist schnell vorüber, meist bleibt kaum Zeit, die eigenartigen Konstruktionen näher anzusehen.
Die Gleisanlagen der Metro sind teilweise überraschend weitläufig. Die unterirdischen Hallen mit ihrer Glühbirnenbeleuchtung haben einen eigenartigen Charme.
Auf dem rechten Bild ist einer der mittlerweile ausgemusterten Dreiwagenzüge geparkt. Die Wagen waren betrieblich nicht trennbar, da sie mit Jacobs-Drehgestellen verbunden waren. 1948
geliefert, waren sie die ersten Züge, die die klassischen Sprague-Thompson-Wagen abzulösen begannen.
Teilweise extrem enge Radien (hier die Endschleife an der Porte Dauphine) rücken die Metro in die Nähe eines Straßenbahnbetriebes. Seinerzeit wurde das Lichtraumprofil bewusst
inkompatibel zur Vollbahn gewählt, auch war man nicht gewillt, Linien aus der Stadt hinaus
zu führen: man wollte vermeiden, dass die Menschen aus dem Zentrum in den geringer besteuerten Vororten billiger einkaufen. Diese Auffassung konnte allerdings nicht aufrechterhalten werden, ab den 50er Jahren wurden viele Linien verlängert.
Die letzten Bilder zeigen den heutigen Verkehr um Paris: Moderne Tramways erobern stillgelegte Nahverkehrsstrecken zurück; gleichzeitig sind mit dem TGV Ziele wie London, Brüssel und Lyon in wenigen Stunden erreichbar geworden. Die eleganten Nasen der verschiedenen Bauserien vermitteln Schnelligkeit und Kraft. Die alten Bahnhöfe sind renoviert worden und liegen in den Zentren der Städte, der Flugverkehr verliert rapide Anteile auf den bedienten Relationen; eine großzügige TGV-Station am Flughafen Charles-de-Gaulle macht direktes Umsteigen attraktiv.
Viennaslide-Fotoarchiv / Pariser Métro
unter den Straßen von Paris - eine weitere Viennaslide-Themenseite
Im Jahr 2000 wurde die Mètro 100 Jahre alt. Einige aussergewöhnliche Websites sind diesem Jubiläum gewidmet:
sous-terre.net - ein spannendes Experiment
Cent ans dans le Metro - eine sehr schöne Website, leider in französisch. Wegen der Bilder und des schönen Designs trotzdem sehenswert!
Die Steinbrüche unter Paris - ein gigantisches Höhlensystem durchzieht den Pariser Untergrund.
Information über einige der wichtigen Künstler des Futurismus
Hier eine interessante typologische Erklärung der von der RATP verwendeten Schriften
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