Die Wiener Gemeindebauten
In den 20er- und 30er Jahren entwickelte sich eine neue spannende Architekturströmung: Art Deco. In vielen Städten der Welt trat die Stromlinie in spannende Konkurrenz zur schwerfälligen konservativen Architektur. Vor allem in den USA erschufen Meister wie Raymond Loewy Bauten, die noch heute eine unglaubliche Eleganz und Dynamik vermitteln.
In Wien waren zu dieser Zeit andere Aufgaben zu bewältigen. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie, der Wahlrechtsreform und der damit einhergehenden Schwächung des Bürgertums war die Sozialdemokratie die führende Kraft der Stadt; das umfassende sozialistische Lebenskonzept sah die Stadt als ein durch das Proletariat zu gestaltendes Ganzes an, mit allen Wohnbauten, Schulen, Bädern, Heilanstalten und natürlich der Verkehrsstruktur als Netzwerk, das alles zusammenhält. Die drückende Wohnungsnot gab der Sozialdemokratischen Stadtregierung die Möglichkeit, ihr Konzept von billigen Wohnbauten für die Arbeiterklasse auf Kosten der Reichen zu verwirklichen. In kurzer Zeit entstand eine große Menge von "Gemeindebauten" - finanziert durch die Wohnbausteuer.
Fast alle dieser Wohnhäuser sind noch heute erhalten, viele von ihnen wurden in den letzten Jahren sorgfältig renoviert, notwendige Einbauten wie Aufzüge behutsam in die alte Bausubstanz eingefügt.
Auf dieser Seite sollen die interessantesten Bauten des roten Wien kurz mit Fotos und Plänen vorgestellt werden. Ein Klick auf die Überschriften lässt links die dazupassenden Vorschaubilder erscheinen, die Vergrösserung erscheint dann jeweils nach einem weiteren Klick darauf in einem neuen Fenster.
Der "Karl-Marx-Hof" ist die beeindruckendste Wohnhausanlage des "Roten Wien". Sein langgestreckter Bau ist eine städtische Ikone und Markenzeichen von 70 Jahren Sozialdemokratie. Die 1325 Wohnungen gruppieren sich um große Gartenhöfe. Stärker als bei anderen Gemeindebauten wurden ungünstige Grundrisse zugunsten überhöhter "Propaganda-Architektur" in Kauf genommen.
Diese geschlossene Anlage besticht durch die hochinteressanten räumlichen Abfolgen. Eine geschwungene Straße zieht sich quer durch die Anlage, mächtige Portale überbrücken die Erschließungswege und -gassen. Typisch für die sozialistische Grundhaltung die zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergarten, städtische Bücherei, Krankenkassa und natürlich ein SPÖ-Parteilokal.
Der auf einem dreieckigen Grundstück errichtete Bau ist ein Beispiel, wie auch unauffälligere Bauaufgaben bravourös gemeistert wurden. Die Höhensprünge innerhalb des Grundstückes wurden mit interessanten Hofabfolgen bewältigt.
Die Wohnhausanlage Sandleiten ist mit fast 1600 Wohnungen die größte der Zwischenkriegszeit. Die Häuser sind auf dem ansteigenden Grundstück aufgelockert und malerisch angeordnet. Besonderes Augenmerk wurde auf die harmonische Einbindung in die bestehende und künftige Stadtstruktur gelegt. Spannungsreiche Wegführungen, romantische Nischen und abwechslungsreiche Gestaltungselemente vermitteln den Eindruck einer gewachsenen Siedlung.
Die "Ringstraße des Proletariats":
Die großen Bauten des Margaretengürtels
An der markanten Biegung des Süd- zum Westgürtel entstand als massive Stadtkante eine Reihe von Gemeindebauten, die zusammen eine starke städtebauliche Dominante bilden. An dieser Stelle erfolgt der Übergang von vorstädtischer bzw. dörflicher zur stark verdichteten städtischen Bauweise.
Das Ensemble ist ein Musterbeispiel abwechslungsreicher Wohnarchitektur; Erschließungsstraßen wechseln mit Überbauungen, das leicht fallende Gelände ergibt wunderbare Terrassengärten in den abwechslungsreichen Innenhöfen. Vor allem der Reumannhof besticht durch schönes Kunsthandwerk - einfache Materialien wie Bandeisen wurden zu schlichten, aber schönen Appliken, Lampen und Gittern verarbeitet.
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